Rede zum Gedenken an die Ermordung von Rosa Luxemburg vor 101 Jahren

von Elisabeth Kiderlen

am 15. Januar 2020 vor dem Haus in der Cranachstr. 58

 

Liebe Freundinnen und Freunde von Rosa Luxemburg,

2011 und 2014 habe ich hier schon einmal vor der Wohnung, in der Rosa Luxemburg zeitweilig gewohnt hatte (obwohl sie aus Sicherheitsgründen häufiger in Hotels und bei Freunden übernachtete als in den eigenen 4 Wänden), habe ich also schon einmal einige Worte zu ihrem Gedenken hier in Friedenau gesprochen. Rosa Luxemburg und das ist etwas sehr Besonderes, Rosa Luxemburg ist seit gut hundert Jahren unvergessen. Die Erinnerung an sie ist wach und sie ist fast zärtlich. Sicherlich hängt das auch mit der bestialischen Ermordung dieser mutigen, willensstarken, doch körperlich zarten Frau durch die Männer eines rechtsradikalen Freikorpsregiments zusammen. So wurde sie zur Märtyrerin, ihr Leben und Sterben zur Legende.

Unvergessen. Im Jahr 1968 besetzten Studenten die Kölner Universität und benannten diese in „Rosa-Luxemburg-Universität“ um, allerdings spielte die Verwaltung nicht mit, der neue Name wurde bald wieder kassiert. In der gleichen Zeit hing in vielen Wohngemeinschaften ihr Porträt, nicht selten neben Ché Guevara. 1990 benennt die junge Partei Die Linke ihre neue Stiftung nach Rosa Luxemburg. Und auf ihrem Grab auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde legen Jahr für Jahr an ihrem Todestag viele Menschen rote Nelken nieder. Auch die Schöneberger Friedensinitiative kommt jedes Jahr an ihrem Todestag hier zusammen, mal halten die Linken eine Rede, mal die SPD, mal die GRÜNEN. Heute also die GRÜNEN.

Wie lässt sich das Ausmaß der Verehrung für Rosa Luxemburg erklären? Da ist zum Beispiel dieser berühmte Satz, „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden“. Ein kluger Satz, der eine Brücke zum gebildeten Bürgertum schlägt und mit Sicherheit zur Sympathie, die Rosa Luxemburg weit über das linke Milieu hinaus entgegenkommt, beiträgt. Dass dieser Satz von ihr wahrscheinlich auf die verschiedenen Fraktionen und Gruppierungen der Arbeiterbewegung gemünzt war, ist heute nicht mehr wichtig. Wichtig ist, der Satz kommt versöhnlich daher. Doch die Realität war damals, gleich nach dem Ende des Erstem Weltkriegs nicht versöhnlich, die Realität war Bürgerkrieg.

Letztes Jahr erschien eine neue Biographie von ihr, das gut 500seitige Buch des Potsdamer Historikers Ernst Piper mit dem Titel „Rosa Luxemburg. Ein Leben“. Es ist ein detailliertes, gut geschriebenes Werk, das sich der Verklärung, aber nicht der Sympathie verweigert. Insbesondere die letzten Kapitel, die Schilderung der aufgewühlten Zeit vom Ende des ersten Weltkrieges bis zu Rosa Luxemburgs Tod am 15. Januar 1919, sind atemberaubend und verstörend.

Direkt nach Kriegsende waren die Zeiten hoffnungsvoll und utopiegetränkt, gleichzeitig waren sie hass- und angsterfüllt. Denn schließlich ging es damals allen um alles. Auf der Linken – und hier verläuft der Radius von der Mehrheitssozialdemokratie über die USPD und die revolutionären Obleute bis zum Spartakusbund – musste es zu einer Grundsatzentscheidung kommen: für eine parlamentarische Demokratie, die Kompromissfähigkeit voraussetzt wie auch die Kooperation mit anderen Parteien und den Repräsentanten anderer Klassen. Oder für eine Rätedemokratie der Arbeiter- und Soldaten. Rosa Luxemburg, gerade aus dem Gefängnis entlassen, wollte den Schwung der revolutionären Situation nützen, um „eine einheitliche sozialistische Republik Deutschland“ durchzusetzen. Denn wann, wenn nicht jetzt sollte das möglich sein?

Und so hört sich ein Teil ihres Programms an: Die Spartakisten forderten „die Entwaffnung der gesamten Polizei, die Übernahme aller Behörden und Kommandostellen durch den Arbeiter- und Soldatenrat, die Beseitigung des Reichstags und aller Parlamente und die Errichtung eines Reichs-Arbeiter- und Soldatenrats“ („Die Rote Fahne“ vom 10. November 1918).

Sie forderten „die Aufhebung der Todesstrafe (was in Deutschland dann erst 1945 unter dem Eindruck der totalen Niederlage gelang) und die Bewaffnung aller Gemeinderäte durch freigewählte Arbeiter- und Soldatenräte. (Eine interessante Forderung für eine BV). Doch angesichts der realen Einflusslosigkeit der Spartakisten, die immer nur wenige Mitglieder hatte, was auch Rosa Luxemburg nicht kaschierte, hat dieses Programm etwas von einer Schimäre, etwas Bodenloses, bloß Deklamatorisches. Und das irritiert.

Am 14. Dezember 1919 erschien in der „Roten Fahne“, eine quasi indirekte Antwort auf den Vorwurf des bloß Deklamatorischen, indem das große Projekt in die Zukunft verlagert wird. Der programmatische Artikel trägt die Überschrift: „Was will der Spartakusbund?“ Dort heißt es:

„Der Spartakusbund wird nie anders die Regierungsgewalt übernehmen als durch den klaren, unzweideutigen Willen der großen Mehrheit der proletarischen Masse in Deutschland, nie anders als kraft ihrer bewussten Zustimmung zu den Ansichten, Zielen und Kampfmethoden des Spartakusbundes. […] Der Sieg des Spartakusbundes steht nicht am Anfang, sondern am Ende der Revolution: Er ist identisch mit dem Sieg der großen Millionenmassen des sozialistischen Proletariats.“ Ein demokratisches Konzept und eine klare Absage an den Putschismus eines Lenins.

Kommen wir nun zu den Mehrheitssozialdemokraten. Ihr Programm kommt realitätstüchtig daher, nicht umsonst stammt es von den Mehrheitssozialdemokraten. Ihnen ging es darum, den Übergang in die Nachkriegsordnung möglichst ohne Blutvergießen zu organisieren und „das freie, gleiche und geheime Wahlrecht in allen deutschen Parlamenten“ durchzusetzen (Vorwärts 29.12. 1918), um Arbeit und Brot, dazu die populäre Forderung nach einem 8-Stundentag.

Doch Friedrich Ebert und seine Leute fühlten sich in Berlin, einer Stadt, in der es zeitweilig bis sechs Demonstrationszüge an einem Tag gab, nicht sicher, sie fürchteten, dass der Bolschewismus auch in Deutschland an Boden gewinnen könne. So kommt es früh zu einer Geheimabsprache zwischen General Groener von der OHL (Obersten Heeresleitung) und Friedrich Ebert, seit 1913 Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands.

Mit der Obersten Heeresleitung im Rücken scheute Ebert in der Auseinandersetzung mit der USPD, den revolutionären Obleuten und dem Spartakus dann auch nicht vor der Zusammenarbeit mit reaktionären Kräften zurück, wenn es darum ging, aufständische oder streikende Arbeiter zurückzudrängen und niederzuschlagen. Auch hielt die Parteiführung ihren eigenen, für das Militär zuständigen Minister Gustav Noske nicht vor blutiger Gewaltanwendung zurück. „Einer muss ja der Bluthund sein“, lautet Noskes berühmtes Zitat, dessen Grundeinstellung hunderte Arbeiter und im übertragenen Sinn auch Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht zum Opfer fielen.

Am 5. Januar 1919 fand eine Demonstration mit einer halben Million Menschen zum Protest gegen die Absetzung des kommissarischen Polizeipräsidenten Emil Eichhorn statt. Dieser hatte mit den revolutionären Matrosen kollaboriert und war den Mehrheitssozialdemokraten ein Dorn im Auge. Es ist hier nicht der Platz den gesamten Verlauf der Ereignisse nachzuzeichnen, nur so weit: Die Auseinandersetzungen steigerten sich zum Showdown zwischen den Parteiungen. Im Stakkatoton gab Rosa Luxemburg anfangs die Losung aus: „Die Gegenrevolution entwaffnen, die Massen bewaffnen, alle Machtpositionen besetzen. Rasch handeln!“

Noske als Oberkommandierender der Regierung warb wehrfähige Männer für freiwillige Regierungstruppen: „Jetzt könnt Ihr zu den Waffen greifen, um die heilige Ordnung in Deutschland zu schirmen.“ Später wurde ganz schamlos auf den Kriegsbeginn August 1914 Bezug genommen: „Zaudert nicht! Stellt Euch sofort, wie Ihr es 1914 getan habt. Die Gefahr ist größer als damals.“

Am 14. Januar informierte Noske die Bevölkerung Berlins über den bevorstehenden Einmarsch aller ihm unterstellten Truppen. Am 15. wurden Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht von Männern der Garde-Kavallerie-Schützen-Division ermordet.

Und so frage ich mich 101 Jahre später: Warum lieben und denken noch heute so viele Menschen an Rosa Luxemburg? Ich will und kann darauf keine Antwort geben, aber ihre Geschichte, ihr unbedingter Wille, die Welt zu verändern, lassen einen nicht unberührt. Andererseits finde ich ein Leben wie ihres, heute, mehrere Revolutionen später, man denke nur an die Revolution in Russland, in China, in Zimbabwe und weitere eher schrecklich.

Ich möchte hier eine iranische Freundin zitieren, die auf die Frage, warum es in Iran nicht endlich erneut zu einer Revolution, diesmal gegen das heutige Regime, kommt, antwortet: „Weil Revolutionen so mörderisch sind, es kommt zu so vielen Toten. Das haben wir 1979 bei unserer Revolution gegen den Shah zu Genüge erfahren.“

Ich hatte eigentlich noch vor, auf den veränderten Umgang mit Kommunalpolitikern nicht nur von der Rechten einzugehen. Immer wieder treten Bürgermeister und Bürgermeisterinnen zurück oder kandidieren nicht mehr, weil sie beschimpft oder direkt bedroht werden wie, nur zum Beispiel, Silvia Kugelmann, Bürgermeisterin in der schwäbischen Gemeinde Kutzenhausen. „Es fehlt der respektvolle Umgang miteinander und die gemeinsame Suche nach dem Kompromiss“, sagt sie. „Es geht heute darum, sich brachial durchzusetzen, und es geht gegen Frauen, von denen „man sich doch nichts sagen lassen will.“ Und was sagen die anständigen Menschen, wird sie gefragt. „Die Mehrheit schweigt“, ist die Antwort. Auf dieses Schweigen müssen wir Antworten finden.