„Das blaue Band“ – Erinnerung an die Zwangsarbeiter*innen in Schöneberg

Copyright: Hans G. Kegel über Sen. Stadt Soziale Stadt / QM
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von Bertram von Boxberg

Dass der Brief, den Maria Derewjanko 1994 aus Lviv (Lemberg) in der Ukraine geschrieben hatte, die Sophie-Scholl-Schule überhaupt erreicht hat, ist ein kleines Wunder. Auf dem Kuvert stand: „An die Augustschule, Izholdstraße – Palazstraße, graues Gebäude an der Ecke“. Zum Glück wusste jemand, dass die Sophie-Scholl-Schule bis 1946 „Staatliche Augustaschule“ hieß. So konnte der Brief an die Elßholzstraße zugestellt werden.

Maria Derewjanko bat in dem Schreiben um eine Bestätigung ihrer Tätigkeit als Zwangsarbeiterin während des Zweiten Weltkrieges. Dieser Brief wurde Auslöser für ein großartiges Schulprojekt unter der Leitung des damaligen Geschichtslehrers Bodo Förster. Denn endlich gab es eine Zeitzeugin für eine Geschichte, die bis dahin nur ansatzweise bekannt war:

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Die Geschichte der ukrainischen Zwangsarbeiter, die den Hochbunker in der Pallasstraße bauen mussten. Noch im gleichen Jahr wurde Maria Derewjanko nach Berlin eingeladen. Durch ihre Berichte wissen wir, dass in den Jahren 1943/44 in der heutigen Sophie-Scholl-Schule ein Lager für Zwangsarbeiter*innen gewesen war. Die Eltern der damals Zwölfjährigen und die anderen Zwangsarbeiter mussten täglich zur Baustelle des Hochbunkers. Aus diesem ersten Besuch hat sich inzwischen eine Freundschaft zwischen der Schule und Marias Familie entwickelt. Mehrfach haben seitdem auch Klassen der Sophie-Scholl-Schule die Ukraine besucht. Geschichtsunterricht als Quellenforschung.

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Im Jahre 2000 entstand die Idee, an der Pallasstraße einen Gedenkort für die Zwangsarbeiter*innen zu schaffen. Das Konzept: Eine Metallskulptur erinnert an die damalige Lagerbegrenzung und die Verbindung zwischen Schule und Bunkerbaustelle. „Das blaue Band der Erinnerung“.  Die Farbgestaltung soll an die blauen Aufnäher mit dem Wort „Ost“ erinnern, den die „Ostarbeiter“ tragen mussten. Schüler*innen der Sophie-Scholl-Schule wurden in die Gestaltung des blauen Bandes mit einbezogen.  Ihre Gedanken zu dem Bunker sind auf der Skulptur eingelassen. „Hat der Bunker Menschen geschützt?“, „Ich stelle mir vor, dass er innen zerfallen ist und dass sich dort alte Gegenstände wie Stühle, Spiegel, Kleider befinden“ oder auch „Warum reißen sie das Ding nicht ab?“. An den Außenwänden des Hochbunkers wurden auf Glasschildern die Erinnerungen von ehemaligen Zwangsarbeiter*innen aufgeschrieben: „Wir erinnern uns daran, dass wir immer essen wollten. Einmal am Tag bekamen wir Essen, Brot bekamen wir zweimal in der Woche, morgens und abends gab es heißes Wasser“.

16 Jahre sind vergangen, seitdem der Ort der Erinnerung eingeweiht worden ist. Inzwischen nagt  Rost an der Skulptur, die Inschriften auf den Glasschildern sind unter Graffitischichten versteckt. Deswegen fordern die Grünen in einem Antrag an die BVV, dass dieser wichtige Gedenkort in Schöneberg saniert und so für die Zukunft gesichert werden soll.

 

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